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Vermisstensache
Krämer u. a.

Az. 47 Js 1031/87 · Kriminalpolizei, Außenstelle Niederrhein · angelegt am 2. 11. 1987

Ungeklärt
1989

Die Vorgeschichte

Was im Herbst 1987 in der Gärtnerei Krämer geschah – zusammengetragen aus Zeitungsberichten, Polizeiakten und dem, was man sich in Moers bis heute erzählt.

I · Die Gärtnerei

Fünfunddreißig Jahre lang war die Gärtnerei Krämer ein Ort, an dem nichts Besonderes passierte. Friedrich und Grete Krämer hatten das Land hinter ihrem Haus 1952 gepachtet, später gekauft. Er grub, sie pflanzte. Ihr Sohn Elias wuchs zwischen den Beeten auf und half später auf dem Wochenmarkt.

Wer damals dort einkaufte, erinnert sich vor allem an zwei Dinge: an Gretes Tomaten, die man bis nach Krefeld kannte, und an ein Lied. Grete summte bei der Arbeit, immer dieselbe kurze Melodie, ohne Worte. Man hörte sie schon am Tor, bevor man sie sah.

II · Der Winter, in dem Grete starb

Im Herbst 1986 wurde Grete krank. Friedrich führte den Betrieb mit Elias weiter, aber er war kaum noch zu sehen. Im März 1987 hieß es, Grete sei gestorben. Eine Beerdigung gab es nie. Auf dem Friedhof sucht man ihren Namen bis heute vergeblich.

Seit diesem Frühjahr brannte im Gewächshaus jede Nacht Licht. Nachbarn sahen Friedrich mit Kanistern und Kisten hineingehen. Elias kam nicht mehr auf den Markt. Und manchmal, spät am Abend, hörte man aus dem Gewächshaus wieder diese Melodie.

III · Der Sommer der Vermissten

Im Juni verschwand die erste Person. Danach kamen weitere hinzu, bis Ende Oktober insgesamt elf: eine junge Frau mit rotem Wollschal, ein Student in gelber Regenjacke, ein Rentner, der jeden Samstag seine Kürbisse bei Krämers kaufte. Niemand brachte die Fälle damals miteinander in Verbindung.

Dabei war die Ernte der Krämers in diesem Jahr so gut wie nie. Die Kürbisse wurden so groß, dass zwei Männer einen tragen mussten. Die Tomaten waren innen tiefrot. Und die Erde hinter dem Gewächshaus blieb warm, als der erste Frost kam.

IV · Der letzte Verkaufstag

Am Samstag, dem 31. Oktober 1987, hatte die Gärtnerei zum ersten Mal bis in die Nacht geöffnet. Überall hingen Laternen. Elias führte die Kundschaft in kleinen Gruppen durch den Garten, „damit Vater in Ruhe arbeiten kann“. Viele kamen. Nicht alle erinnern sich daran, wie sie wieder nach Hause gekommen sind.

Am nächsten Morgen stand das Tor offen. Das Haus war leer, der Tisch für drei Personen gedeckt. Friedrich und Elias Krämer wurden nie wieder gesehen. Die Beete hinter dem Gewächshaus waren frisch umgegraben, und zwar alle.

V · Danach

Die Polizei suchte zwei Jahre lang. 1989 wurde die Akte geschlossen: ungeklärt. Das Grundstück verwilderte, der Baumstreifen wuchs über die Wege. Kinder liefen nachts am Zaun vorbei und behaupteten, jemanden summen zu hören.

Im Herbst 2027 ist das Tor zum ersten Mal wieder aufgegangen. Ein junger Mann, der sich Jonas Krämer nennt, hat den Boden umgegraben und das Gewächshaus hergerichtet. Er sagt, er sei Friedrichs Enkel. Im Oktober 2028 soll die Gärtnerei wieder öffnen, nur abends, nur in kleinen Gruppen.

Die Erde hat einundvierzig Jahre gewartet. Sie hat Hunger.

Moers · Dienstag, 3. November 1987Nr. 254 · 1,20 DM
Niederrhein-Bote

Gärtnerei Krämer: Vater und Sohn spurlos verschwunden

Polizei prüft Zusammenhang mit den Vermisstenfällen des Sommers

Moers. Rätsel um eine alteingesessene Moerser Familie: Seit dem Wochenende fehlt von Friedrich Krämer (58) und seinem Sohn Elias (34) jede Spur. Eine Kundin hatte am Sonntagmorgen bemerkt, dass das Tor der Gärtnerei offen stand und niemand auf Rufen reagierte.

Noch am Samstagabend hatte die Gärtnerei zu einem Verkaufsabend mit Laternen eingeladen. Zahlreiche Besucher berichten von einer „seltsamen, aber schönen Stimmung“. Hinweise auf eine Abreise gebe es nicht, so ein Sprecher der Kriminalpolizei. Koffer, Papiere und Bargeld befanden sich im Haus.

Die Ermittler prüfen nun, ob es eine Verbindung zu den elf Vermisstenfällen gibt, die seit Juni im Raum Moers gemeldet wurden. Mehrere der Vermissten sollen zu den Stammkunden der Gärtnerei gezählt haben.

Die Ehefrau des Gärtners, Grete Krämer, war nach Angaben von Nachbarn im Frühjahr nach langer Krankheit verstorben. Eine Sterbeurkunde liegt dem Standesamt bislang nicht vor.

Die Polizei bittet um Hinweise unter jeder Polizeidienststelle.

Asservat 7 · Zettel, gefunden auf dem Küchentisch · Handschrift Elias Krämer

Vermisst

Sabine Kessler, 19

Zuletzt gesehen am Samstag, 12. 9. 1987, gegen 18 Uhr in Moers.

Trug einen roten Wollschal

Fall 4 von 11

Vermisst

Thomas Wiegand, 24

Zuletzt gesehen am Samstag, 17. 10. 1987, auf dem Heimweg vom Markt.

Gelbe Regenjacke

Fall 10 von 11

Gesucht

Friedrich & Elias Krämer

58 und 34 Jahre. Seit der Nacht zum 1. 11. 1987 verschwunden.

Wer hat sie gesehen?

Hinweise an jede Polizeidienststelle

Durchsuchungsbericht – Grundstück Krämer

Datum
Mittwoch, 4. 11. 1987, 9.40 Uhr
Anwesend
KHK Brandtner, PM Oelschläger, Hundeführer mit Diensthund

1. Wohnhaus unverschlossen. In der Küche Abendessen für drei Personen gedeckt, nicht angerührt.

2. Gewächshaus: Innentemperatur 24 °C bei 3 °C Außentemperatur. Keine Heizung vorhanden oder in Betrieb.

3. Beete hinter dem Gewächshaus frisch umgegraben, ca. 40 m². Probegrabung auf Anordnung abgebrochen, Wurzelwerk zu dicht.

4. Diensthund verweigert das Betreten der hinteren Wiese.

5. Sichergestellt: eine Tonbandkassette, beschriftet „Für Grete“; ein Notizbuch, Seiten 41 bis 47 herausgerissen.

Akte 1989 geschlossen. Nicht wieder aufmachen.

Die Akte ist geschlossen. Das Tor nicht mehr.

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